Ihre Agentur meldet sich nicht mehr – die ersten drei Schritte
Die Website läuft noch. Das ist kein gutes Zeichen.
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Erst bleiben die Mails unbeantwortet. Dann geht keiner mehr ans Telefon. Die Website läuft weiter, also ist es nicht dringend – bis der Server abgeschaltet wird, die Domain in die Verlängerung läuft oder ein Plugin-Update ansteht, das niemand mehr einspielt.
Falls Sie gerade in dieser Situation sind: Sie sind nicht der Einzige. 198 Webagenturen sind 2025 in Deutschland insolvent gegangen, im ersten Quartal 2026 lag die Zahl noch einmal rund 60 Prozent darüber. Das ist keine Randerscheinung mehr, das ist eine Marktbewegung.
Was jetzt zählt, ist nicht die Frage nach der neuen Agentur. Die kommt später. Was jetzt zählt, sind drei Dinge, die Sie in den nächsten Tagen erledigen sollten – idealerweise selbst, ohne auf jemanden zu warten.
Schritt 1: Zugänge sichern, bevor sie verschwinden
Der häufigste Fehler ist, davon auszugehen, dass die Zugänge irgendwo liegen und man sie später bekommt. Bekommt man oft nicht. Bei einer Insolvenz übernimmt ein Verwalter, und der hat andere Prioritäten als Ihre Passwortliste. Bei einer Agentur, die einfach nicht mehr antwortet, gibt es gar keinen Ansprechpartner mehr.
Machen Sie eine Liste und haken Sie ab, worauf Sie selbst Zugriff haben – nicht, worauf Sie theoretisch Anspruch hätten:
- Domain-Registrar – der Anbieter, bei dem die Domain registriert ist (nicht zwingend der Hoster)
- Hosting / Server – Kundenkonto beim Provider, SSH- oder FTP-Zugang
- CMS-Administrator – ein Konto mit vollen Rechten, das auf Ihre Mailadresse läuft
- DNS-Verwaltung – oft ein vierter, separater Ort
- E-Mail-Postfächer, falls diese über dieselbe Domain laufen
- Analytics, Search Console, Newsletter-Tool, Zahlungsanbieter
- Quellcode-Repository, falls die Seite individuell entwickelt wurde
Wo Sie noch reinkommen: legen Sie sofort einen zweiten Admin-Zugang auf eine Firmenmailadresse an, die Ihnen gehört. Nicht auf die persönliche Adresse eines Mitarbeiters, der in zwei Jahren nicht mehr da ist. Wo Sie nicht reinkommen: notieren, wir kommen gleich darauf zurück.
Schritt 2: Backup ziehen – heute, nicht nächste Woche
Eine Website besteht aus zwei Teilen: den Dateien und der Datenbank. Ein Backup, das nur die Dateien enthält, ist kein Backup. Alle Texte, Seitenstrukturen, Formulareinträge und Nutzerkonten liegen in der Datenbank.
Wenn Sie Serverzugang haben, laden Sie beides herunter und legen es an zwei Orten ab – einmal lokal, einmal in einem Cloud-Speicher, auf den nicht dieselbe Person Zugriff hat. Das dauert je nach Größe eine halbe Stunde und ist die billigste Versicherung, die Sie in dieser Sache abschließen können.
Wenn Sie keinen Serverzugang haben, ziehen Sie wenigstens einen vollständigen Crawl der öffentlichen Seiten. Das ist kein Ersatz für ein echtes Backup, aber es rettet Ihre Texte, Bilder und die Seitenstruktur. Wer schon einmal einen kompletten Websiteinhalt aus dem Kopf rekonstruieren musste, macht diesen Fehler kein zweites Mal.
Der Zeitdruck ist real: bei einer Insolvenz werden Serververträge oft mit kurzer Frist gekündigt. Zwischen der Nachricht und dem Abschalten liegen manchmal Tage.
Schritt 3: Prüfen, wem die Domain wirklich gehört
Das ist der Punkt, der später am meisten weh tut – und der am seltensten geprüft wird.
Bei einer .de-Domain gibt es einen Domaininhaber und einen administrativen Ansprechpartner. Nur der Inhaber besitzt die Domain. Wenn dort der Name Ihrer Agentur steht und nicht Ihr Firmenname, gehört Ihnen Ihre Domain nicht. Sie nutzen sie nur.
Das lässt sich in fünf Minuten klären: eine Whois-Abfrage bei der DENIC zeigt den eingetragenen Inhaber. Steht dort Ihr Unternehmen – gut, ein Problem weniger. Steht dort die Agentur, brauchen Sie einen Inhaberwechsel, und dafür brauchen Sie jemanden, der ihn autorisiert. Solange die Agentur noch existiert und erreichbar ist, ist das ein Formular. Danach wird es ein Vorgang mit dem Insolvenzverwalter, und der dauert.
Dasselbe gilt für Hosting, CMS-Lizenzen, Bildrechte und Quellcode. Eine Website besteht aus fünf Bestandteilen, und im ungünstigen Fall hat jeder davon einen anderen Eigentümer. Stockfotos sind auf die Agentur lizenziert und nicht auf Sie. Der individuell entwickelte Code liegt ohne ausdrückliche Rechteübertragung bei dem, der ihn geschrieben hat. Prüfen Sie das jetzt mit, solange noch jemand antwortet.
Und was Sie jetzt nicht tun sollten
Keinen Relaunch beauftragen. Das ist der Reflex – neue Agentur, neue Seite, Thema erledigt. In den meisten Fällen ist das die teuerste Variante und löst das eigentliche Problem nicht. Eine Seite, deren Zugänge und Domain ungeklärt sind, wird durch einen Neubau nicht geklärter, sondern nur teurer.
Sinnvoller ist die umgekehrte Reihenfolge: erst wissen, was da ist, dann entscheiden. Genau darum geht es bei einer Website-Übernahme – jemand schaut sich den Bestand an, dokumentiert Zugänge, Technik und Zustand, und sagt Ihnen anschließend, ob die Seite weiterbetrieben, saniert oder ersetzt werden sollte. Nicht selten lautet die Antwort: weiterbetreiben. Das ist deutlich billiger als ein Relaunch, den niemand gebraucht hätte.
Der kleine nächste Schritt
Wenn Sie die drei Schritte durch haben und trotzdem nicht wissen, wie es um die Seite steht: dafür gibt es die Bestandsaufnahme. Zugänge, Technik, Sicherheitsstand, Wartungsbedarf – schriftlich dokumentiert, mit klarer Empfehlung. Je nach Umfang zwischen 450 und 900 Euro, Festpreis, ohne Anschlussverpflichtung. Das Ergebnis gehört Ihnen, auch wenn Sie damit zu einer anderen Agentur gehen.
Wenn Sie die Seite danach in laufende Betreuung geben wollen, ist das der zweite Schritt – siehe Website-Wartung. Aber erst der Bestand, dann der Vertrag.
Und der wichtigste Satz zum Schluss: Die drei Schritte oben kosten Sie nichts außer einem Nachmittag. Sie zu verschieben kann Sie eine Domain kosten, die Sie seit fünfzehn Jahren nutzen.
Häufige Fragen zu einer nicht mehr erreichbaren Webagentur
Meine Agentur ist insolvent. Wird meine Website jetzt abgeschaltet?
Meine Agentur ist insolvent. Wird meine Website jetzt abgeschaltet?
Nicht sofort, aber möglicherweise bald. Läuft das Hosting über einen Vertrag der Agentur, kann der Insolvenzverwalter ihn kündigen – teils mit sehr kurzer Frist. Läuft das Hosting auf Ihren Namen, sind Sie zunächst sicher. Genau das sollten Sie als Erstes klären.
Wie finde ich heraus, wem meine Domain gehört?
Wie finde ich heraus, wem meine Domain gehört?
Über eine Whois-Abfrage beim zuständigen Registry, bei .de-Domains ist das die DENIC. Dort sehen Sie den eingetragenen Domaininhaber. Ist das nicht Ihr Unternehmen, brauchen Sie einen Inhaberwechsel – und der ist deutlich einfacher, solange die Agentur noch handlungsfähig ist.
Kann ich meine Website ohne Zugangsdaten umziehen?
Kann ich meine Website ohne Zugangsdaten umziehen?
Eingeschränkt. Ohne Serverzugang lassen sich die öffentlichen Inhalte crawlen und die Struktur rekonstruieren, aber nicht die Datenbank, nicht die Formulareinträge und nicht die Nutzerkonten. Der Umzug wird dadurch aufwendiger und damit teurer. Deshalb steht das Sichern der Zugänge an erster Stelle.
Habe ich Anspruch auf den Quellcode meiner Website?
Habe ich Anspruch auf den Quellcode meiner Website?
Das hängt vom Vertrag ab. Ohne ausdrückliche Rechteübertragung liegen die Nutzungsrechte an individuell entwickeltem Code häufig bei der Agentur. Bei Standard-CMS wie WordPress oder Drupal ist das weniger kritisch, weil das System selbst quelloffen ist – bei Individualentwicklungen kann es zum echten Problem werden.
Was kostet es, eine bestehende Website zu übernehmen?
Was kostet es, eine bestehende Website zu übernehmen?
Die Bestandsaufnahme liegt je nach Umfang zwischen 450 und 900 Euro. Ein anschließender Umzug auf neues Hosting bewegt sich typischerweise im Bereich um 950 Euro. Was darüber hinaus anfällt, hängt vom Zustand ab – und den kennt vorher niemand seriös.
Soll ich die Gelegenheit nicht gleich für einen Relaunch nutzen?
Soll ich die Gelegenheit nicht gleich für einen Relaunch nutzen?
Manchmal ja, oft nein. Ein Relaunch löst ein Gestaltungs- oder Strukturproblem, kein Zuständigkeitsproblem. Wenn die Seite technisch tragfähig ist und funktioniert, ist Weiterbetrieb die günstigere und schnellere Entscheidung. Die Bestandsaufnahme sagt Ihnen, welcher Fall vorliegt.
Wie schnell muss ich handeln?
Wie schnell muss ich handeln?
Die drei Schritte – Zugänge, Backup, Domain – sollten innerhalb weniger Tage erledigt sein. Alles Weitere hat Zeit. Der Fehler ist nicht, zu langsam eine neue Agentur zu finden. Der Fehler ist, zu spät zu sichern, was Ihnen gehört.
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